Ein unrühmliches Kapitel – Uni und Frauen

12. Mai 2013 ‐ 14:01

Frauen an der Universität: Seit jeher ein schwieriges Thema. Wie und warum sie in Forschung und Lehre an eine „gläserne Decke“ stoßen und nach wie vor nicht immer sichtbar sind. Ein Bericht von der Uni Wien.

Zustände und Zuständigkeiten

Die Zahlen sprechen eine mehr als deutliche Sprache: Frauen sind an den österreichischen Unis unterrepräsentiert. An der Uni Wien zum Beispiel sind etwas über 60% der Studierenden Frauen, unter den ProfessorInnen lag der Frauenanteil im Jahr 2011 hingegen nur bei etwa 21% – damit aber immerhin mehr als doppelt so hoch wie noch vor zehn Jahren. Es zeigt sich anschaulich: Je höher die Stellung in der universitären Hierarchie, desto weniger Frauen. Die „gläserne Decke“, an die Frauen insbesondere im Wissenschaftsbetrieb häufig stoßen, ist nach wie vor präsent. Stellt mensch sich in diesem Zusammenhang die Frage, was die Zuständigen an der Uni Wien dagegen unternehmen, kommt mensch auch um die Frage kaum herum, wer denn „die Zuständigen“ eigentlich sind. Da gibt es das Referat Genderforschung (http://gender.univie.ac.at/) und die Abteilung Frauenförderung und Gleichstellung (http://personalwesen.univie.ac.at/frauenfoerderung/) sowie den Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen (http://gleichbehandlung.univie.ac.at/). Während außerdem früher die Frau im Rektor*innen-Team als Vizerektorin (auch) für Frauenangelegenheiten zuständig war, ist die Aufgabe „Koordination der Frauenförderung“ schon unter dem Vorgänger des derzeitigen Rektors Engl zur „Chefsache“ erklärt worden. Damit ist im Rektor*innen-Team ein Mann für die Frauen-Agenden zuständig. Ein großes Problem ist überdies, dass die meisten Uniangehörigen die Existenz von „Zuständigen“ als Ausrede benutzen, sich selbst nicht mit der Thematik befassen zu müssen. Und auch unter den „Zuständigen“ divergieren die Meinungen darüber, wie Frauenförderung und frauen- bzw. geschlechterspezifische, feministische, queere Lehre aussehen sollen, recht stark.

Geförderte Frauen?

Schon allein die Frauenförderung wäre Thema für seitenlange Abhandlungen. An dieser Stelle sei allerdings nur kurz folgendes angemerkt: Jene Lehrenden und Studierenden, die seit Jahren darauf hinarbeiten, ernst zu nehmende und funktionierende Frauenförderung an der Uni Wien nachhaltig zu verankern, haben häufig gegen die schiere Übermacht von Desinteresse und Ignoranz des Großteils der Universitätsangehörigen anzukämpfen. Wo „Frauenförderung“ als Floskel ohne tatsächliche Verpflichtungen genannt werden kann, sind alle gerne bereit, sich dazu zu „bekennen“. Doch sowie es an eine (mögliche) ernsthafte Umsetzung dahingehender Maßnahmen geht, fallen den Herren – aber auch manchen Frauen – tausende Gründe ein, warum das nicht gehe. Oder sie finden Wege, die beschlossenen Maßnahmen schlicht zu ignorieren oder zu umgehen. Gerade, wenn es um Nachwuchssicherung geht, sind die alten Herren meist gar nicht bereit, das jahrzehntelang so liebevoll gehegte und gepflegte Feld plötzlich einer JungwissenschafterIN zu überlassen! Andere, die sich an der Uni Wien mit Geschlechterverhältnissen beschäftigen, setzen mehr auf Gender Mainstreaming oder Mentoring & Co. Auch das deutet auf ein falsches Verständnis der Thematik hin: Frauenförderung darf keinesfalls heißen, Frauen bloß das notwendige Werkzeug zu verschaffen, im bestehenden System besser oder erfolgreicher voranzukommen – womöglich, weil es ja eine „Leistungsgesellschaft“ ist, noch auf Kosten anderer Frauen! Im Gegenteil, Frauen sinnvoll zu fördern, muss bedeuten, patriarchale Strukturen aufzubrechen und die kritische Auseinandersetzung mit dem (scheinbar?) Gegebenen durch Frauen und Männer zu unterstützen und voranzutreiben.

Feministisch forschen

Um hier keinen falschen Eindruck aufkommen zu lassen: Es gibt widerständige, kritische, subversive feministische, queere und queer-feministische Lehre und Forschung an der Uni Wien – dank unzähliger engagierter Queer/Feminist*innen und queerer/feministischer Systemkritiker*innen. Manche von ihnen scheinen im Rahmen des Masterstudiums Gender Studies auf, andere setzen Inhalte und Forderungen der queeren/feministischen Wissenschaft(skritik) einfach in ihren „normalen“ Lehrveranstaltungen um. Eigentlich sollte es ja genau so sein: In jeder Lehrveranstaltung müsste die Reflexion von Unterdrückungs- oder Ausschlussmechanismen entlang verschiedener Kategorien – nicht nur der Kategorie „Geschlecht“ – ständig im Fokus stehen, und an ihrer Dekonstruktion müssten alle zusammen arbeiten. Soweit die Vision … Die Praxis sieht anders aus. Wer abseits von extra als „Frauen-“ oder „Genderlehrveranstaltungen“ gekennzeichneten Vorlesungen oder (Pro-)Seminaren etwas über Feminismus, Queer Theory usw. hört, hat eindeutig Glück gehabt – das ist mehr die Ausnahme als die Regel. Und während im BA-Studium im Rahmen des angebotenen Erweiterungscurriculums Gender Studies (nur!) acht Lehrveranstaltungen besucht werden können, gibt es für fertige Bachelors auch die Möglichkeit, das Masterstudium Gender Studies zu inskribieren. Wermutstropfen: Einerseits können so Uni-Anfänger*innen nicht gleich Gender Studies betreiben (höchstens im Rahmen eines Erweiterungscurriculums „hineinschnuppern“), andererseits werden nicht einmal alle Bachelors ohne Weiteres zugelassen (will heißen: sie müssen erst Lehrveranstaltungen nachholen).

Das Frauen*referat der ÖH Uni Wien (http://www.oeh.univie.ac.at/arbeitsbereiche/frauen/) druckt jedes Semester die Frauen*forscherin, das Kommentierte Vorlesungsverzeichnis zu Feministischen Theorien, Queer und Gender Studies an allen Wiener Unis!