Der soziale Aspekt des FH-Ausbaus

15. Mai 2014 ‐ 11:11

Wieder einmal erzürnt mich ein Artikel zum Ausbau des FH-Sektors. Gleichzeitig schüttle ich resignierend den Kopf ob der immer und immer wiedergekauten Mythen und Fehlannahmen, die mit FH-Studien verbunden sind:

Ja, rein statistisch sind FH-Studiengänge für “bildungsferne Schichten” attraktiver. Die Gründe dafür sind vielseitig (berufsbegleitende Angebote, Fernstudien, Praxisorientierung, stärkere Anerkennung beruflicher/schulischer Qualifikationen, klare Studienzeit, kurze Wege zur FH) und nur partiell erforscht. Jedenfalls Faktoren, welche auf die öffentlichen Universitäten nur vereinzelt zutreffen.

Auch die Studiengebühren (eig. Studienbeiträge) müssen mit Vorsicht betrachtet werden. Erstens sind knapp 28% der FH-Studierenden von diesen nicht betroffen (denn FH OÖ, FH Burgenland, FH Vorarlberg und FH Joanneum heben keine ein). Zweitens werden diese – bei Anspruch – von der Studienförderung übernommen bzw. refundiert. Drittens stellen EUR 363,36 für (vollzeit)berufstätige Studierende keine finanzielle Mehrbelastung dar – noch dazu wo diese steuerlich geltend gemacht werden kann.

Doch das ignoriert der Beitrag konsequent. Hintergrundanalyse = null. Und so wird direkt in die Logik-Falle getappt. Denn wenn soziale Durchmischung an FH-Einrichtungen besser ist, dann brauchen wir diese nur auszubauen und die soziale Durchmischung verbessert sich entsprechend.

Falsch. Historisch betrachtet hatte und hat der FH-Sektor im Grunde nichts mit sozialer Durchlässigkeit oder Gerechtigkeit zu tun hat. Der Bedarf der Wirtschaft an Fachkräften. die Nachfrage nach berufsbezogenen Studienprogrammen und eine Entlastung der Universitäten waren die wesentlichen Treiber. Da Organisation und Finanzierung offen und bis heute zum überwiegenden Teil ungeregelt sind, bezeichne ich die Schaffung der FHs gerne als >Liberalisierung des Hochschulwesens<. Tatsächlich verhält sich der Sektor wie ein Bildungsmarkt, in dem Bildung als Ware für die Studierenden, diese wiederum als Produkt für die “echten” KundInnen – den Unternehmen – begriffen werden. Hierbei von sozialen Maßnahmen zu sprechen ist ein netter Gag.

Zudem zementiert die Argumentation der sozialen Durchlässigkeit den ungleichen Status Quo im Verhältnis zwischen Fachhochschulen und öffentlichen Universitäten ein. Die Universitäten werden zunehmends elitärer, während die FHs als Auffangbecken der sozial Schwächeren dienen (sollen)? Im >Hochschulsektor< sieht die Quote insgesamt gut aus. Bloß dass – neben den existenten inhaltlichen und qualitativen Unterschieden zwischen den Sektoren – nun eine soziale Dimension hinzukommt. Das Ärgerliche daran ist, dass die Fachhochschulen einerseits um ihr Ansehen kämpfen und andererseits das Argument der “sozialen Gerechtigkeit” ins Feld führen (bei der Forderung nach mehr öffentlichen Mitteln) und sich damit selbst zur Hochschule 2. (sozialer) Klasse machen; somit das Bild, gegen welches sie ankämpfen, bestätigen.

Soziale Gerechtigkeit ist ein – wenn nicht der zentrale – Faktor in der Entwicklung einer nachhaltigen Hochschullandschaft und der Bildungsgesellschaft. Die Anhand oberflächlicher Betrachtung getroffene unzureichende Schlussfolgerung, der Ausbau des FH-Sektors mache das Hochschulsystem sozial gerechter, bringt den traurigen Zustand der aktuellen bildungspolitischen Debatte zum Ausdruck.